System-Intent-Architecture Driven Development
- Klaus Thurnhofer
- 11. März
- 3 Min. Lesezeit
... und was das mit dem Bau einer Garage zu tun hat.
Stellen wir uns vor, jemand möchte eine Garage bauen. Das ist eine klare Absicht. Ein sogenannter Intent.
Und der fleißige Maurer beginnt sofort mit dem Bau:
Fundament
Wände und Dach
Tor
Zufahrt
Alles perfekt.
Nur stellt sich später heraus: Auf dem Grundstück soll eigentlich ein gesamtes Wohnhaus entstehen. Die Garage ist nur ein kleiner Teil davon.
Plötzlich ändern sich viele Dinge:
Die Garage muss zur Architektur des Hauses passen
Die Zufahrt muss sinnvoll angelegt sein
Vielleicht gehört die Garage sogar ins Haus integriert
Der ursprüngliche Intent war also nicht falsch – aber zu klein gedacht. Genau dieses Problem sehe ich aktuell auch in vielen Diskussionen rund um KI-gestützte Softwareentwicklung.
Die Bretter-Hütte
Man hört aktuell noch immer viel über Vibe Coding.
Die Idee dahinter: Man beschreibt einer KI grob, was man möchte – und sie schreibt den Code. Klingt faszinierend. Und ja, es funktioniert.
Ich fühle mich dabei zurückversetzt in meine frühe Jugend: wir haben uns beim lokalen Sägewerk einen Stapel Bretter geschnappt, haben sie zum Bach gebracht und sie, mit ausreichend Nägeln, zu einer kleinen Hütte geformt. Hat auch funktioniert! So wie Vibe Coding auch funktioniert.
Aber nach einiger Zeit stellt sich eine Frage. Wenn die KI alles umsetzt – wer denkt eigentlich über das System nach?
Vier Ebenen der modernen Softwareentwicklung
Ebene 1 – Vibe Coding
Der Ansatz ist weiterhin sehr populär, die Arbeitsweise ist einfach:
Idee → Prompt → Code
Die KI erzeugt sofort funktionierenden Code. Das funktioniert erstaunlich gut für kleine Programme oder Experimente. Das Problem entsteht, wenn das System wächst.
Dann fehlt oft der Überblick über:
Struktur
Verantwortlichkeiten
Zusammenhänge im System.
Es ist eben ein bisschen so, als würde man eine Garage bauen – ohne zu wissen, dass später ein ganzes Haus entstehen soll.
Ebene 2 – Specification Driven Development
Hier gehen wir schon einen Schritt strukturierter vor. Statt direkt Code zu generieren, schreibt man zuerst Spezifikationen.
Beispiele:
Welche Funktionen sollen umgesetzt werden?
Welche Daten werden verarbeitet?
Welche Schnittstellen existieren?
Die KI setzt diese Spezifikationen anschließend um. Der Ablauf sieht dann so aus:
Idee → Spezifikation → Code
Das ist bereits deutlich stabiler als Vibe Coding. Aber auch hier bleibt eine wichtige Frage offen: Wie sieht das Gesamtsystem aus?
Ebene 3 – Architecture Driven Development
Hier kommt eine weitere Ebene hinzu: die Systemarchitektur. Bevor überhaupt Spezifikationen entstehen, denken wir über die Struktur des Systems nach.
Zum Beispiel:
Welche Komponenten gibt es?
Wie kommunizieren sie miteinander?
Wo liegen die Verantwortlichkeiten?
Welche Daten gehören wohin?
Erst danach entstehen Spezifikationen – und daraus wiederum Code:
Idee → Architektur → Spezifikation → Code
Das ist vergleichbar mit einem Architekten, der zuerst das gesamte Haus plant, bevor einzelne Räume gebaut werden.
Ebene 4 – Intent Driven Development
Ein neuer Begriff, der gerade an Bedeutung gewinnt, ist Intent Driven Development. Hier beschreibt man zunächst die Absicht eines Systems.
Beispiel: „Dieses System soll Unternehmen helfen, ihre Informationssicherheit zu bewerten.“ Die KI kann daraus bereits sehr viel ableiten:
mögliche Architektur
benötigte Komponenten
notwendige Funktionen.
Der Ablauf sieht dann so aus:
Intent → Architektur → Spezifikation → Code
Das ist ein spannender Ansatz – hat aber eine Schwäche. Ein einzelner Intent ist oft zu klein, um eine vollständige Architektur zu bestimmen.
Wie auch bei der Garage ohne Haus.
Ebene 5 - System-Intent-Architecture Driven Development
In der Praxis arbeite ich daher noch mit einer zusätzlichen Ebene und stelle die Frage: Was ist eigentlich das gesamte System? Oder anders formuliert: Was entsteht auf diesem Grundstück?
Erst wenn dieser Kontext klar ist, lassen sich sinnvolle Architekturentscheidungen treffen.
Die Ebenen sehen dann so aus:
System → Intent → Architektur → Spezifikation → Code
Der interessante Teil dabei: KI kann in jeder dieser Phasen unterstützen. In meiner Produktentwicklung nutze ich KI tatsächlich auf allen Ebenen:
beim Durchdenken des Systemkontextes
bei der Entwicklung der Architektur
beim Schreiben von Spezifikationen
und natürlich beim Programmieren selbst.
Die KI ersetzt dabei nicht das Denken. Sie beschleunigt es.
Ein wenig so, wie ein guter Architekt heute mit Software arbeitet: Das Werkzeug übernimmt viele Aufgaben – die grundlegenden Entscheidungen bleiben menschlich.
Für diesen Arbeitsstil gibt es noch keinen wirklich etablierten Begriff. SIADD würde mir gefallen. Oder "Think first. Build fast."?
Vielleicht setzt sich irgendwann einer dieser Begriffe durch, vielleicht entsteht auch ein ganz neuer.
Die spannende Beobachtung ist eigentlich eine andere. Die Diskussion rund um KI in der Softwareentwicklung dreht sich oft um Code. Dabei liegt der eigentliche Hebel in den Ebenen darüber.
Nicht im Programmieren. Sondern im Denken über Systeme.
Und das war übrigens schon immer so – lange bevor die erste KI Code geschrieben hat.